Der Wahnsinn in vollen Zügen

Das kann einem nur im Zug passieren: 35 Grad im Schatten und ich sitze im Zug von Berlin nach Hannover. Zufällig sitze ich neben einem yesidischen, kurdischen Syrer, der seit 40 Jahren in Deutschland lebt. Am Anfang gab es kein Gespräch, sondern nur stilles Beäugen. Aber dann stellten wir uns einander vor und gerade in diesem Moment tauchte ein junger kurdischer Bahn-Kellner auf und schießt sofort in unser Gespräch ein.

Der junge Mann in der Sitzreihe neben uns fragt sofort: „Was halten Sie vom Verhalten der Türkei im IS-Konflikt?“ Und schon war sie eröffnet, die politische Diskussion. Ich liebe politische Diskussionen, vor allem, wenn Menschen keine festgefahrenen Überzeugungstäter oder selbst keine Politiker (weichgespült, opportunistisch) sind. War das herrlich: Wir waren uns in vielen Dingen ziemlich einig, das war wohl der gesunde Menschenverstand und eine ähnlich kritische Haltung. Selbstverständlich war es eine Bereicherung den Konflikt und einige Hintergründe aus Sicht eines Syrers zu erfahren, der selbst einer Minderheit in Syrien angehört und sich intensiv mit den Hintergründen des Konfliktes befasst.

Das nette Pärchen aus der Nachbar-Sitzreihe, auf dem Heimweg nach Tübingen, konnte ich noch in den nächsten Zug nach Mannheim mitnehmen. Dort saß ich dann neben einer älteren Dame mit einer Gürtelrose. Das obligatorische Austauschen von Krankheitsgeschichten bestimmte unser Kennenlernprogramm, dazu ein wenig Wetter und Kinder. Dann kam zum Glück ein Eismann und ein zu großer und zu dicker Junge schnappte mir das letzte Ben&Jerry’s direkt vor der Nase weg. Ich nahm das Smarties-Eis und schoss am Ende meinen Nachbarn die Gummibären um die Ohren. Ohne Absicht, aber nicht ohne peinliche Blicke.

Familien im Reisestress, Rentner auf Familienbesuch, Geschäftsleute im grauen Anzug, Gerangel um den Anschluss und zu wenige Toiletten. Fast bricht eine Wettstimmung im Zug aus, nachdem der Schaffner die Verspätungszeiten durch gibt. Das wäre wohl ein tolles Spiel für alle: Wetten um Anschlusszüge und Verspätungszeiten, um ausgefallene Klimaanlagen und verstopfte Toiletten. Kurz: ein Wettspaß für die ganze Familie.

Überhaupt scheinen vorwiegend Stoiker die Deutsche Bahn zu benutzen. Man muss schon gelassen bleiben, egal, was einem widerfährt, damit man ein glücklicher Bahnreisender bleibt. Ein leichtes „Was nicht heute kommt, kommt morgen“ auf den Lippen macht es einem definitiv erträglicher. Vielen Anzugträgern und Pendlern, ist das ein Grauen. Sie rennen wie Hühner durch die Bahn, als könnten sie den Zug dadurch beschleunigen. Nur der Kenner sitzt entspannt in seinem Sitz und ist froh, dass er noch ein paar Seiten lesen kann.

Den Wahnsinn auf Gleisen kann man dann am besten beobachten, wenn man es nicht eilig hat. Nur dann ist Bahnfahren ein einziger Genuss. Und man muss auch die Ironie des Lebens und die Verrücktheit von Menschen ein Stück weit lieben. Dann steht dem Urlaubsspaß mit der Bahn nichts im Wege.

So wünsch ich allen Bahnreisenden ein gute Fahrt, egal wohin und bei wieviel Grad in diesem Sommer, mit oder ohne Klimaanlagen, beim Fahren oder Stehen auf Gängen oder Gleisen. Und ich freue mich auf viele verrückte, genervte, freundliche, diskussionsfreudige und lustige Mitfahrer.

Natürllich freue ich mich auch über eure Kommentare und Beobachtungen.

Allzeit gute Fahrt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s